Türkei

Orientalismus und österreichisch-türkische Zusammenarbeit

Projektleitung
Katharina Hametner, Stefanie Girstmair, Daniel Weigl, Markus Wrbouschek

Status
gefördert von der MA 7 – Wissenschafts- und Forschungsförderung der Stadt Wien

Kurzbeschreibung
In den letzten Jahren intensivierte sich die westliche Auseinandersetzung mit der islamisch-geprägten Welt, in Österreich speziell mit der Türkei. Das Projekt analysierte in der mittelständischen Zeitung Kurier Themen, Konnexe, Symbole und Kernaussagen, die Artikel über die Türkei in den Jahren 1997-2007 beinhalten. Im Rahmen dieses empirischen Projekts wurden Überlegungen von André Gingrich zu Phasen eines spezifisch österreichischen Orientalismus (bis 1996) weiter geführt. Dabei wurde der methodische Ansatz einer kritischen Diskursanalyse (im Anschluss an Siegfried Jäger) für eine empirische Analyse diskursiv-medialer Praktiken zum Einsatz gebracht.

Ausgangspunkt und Forschungsinteresse

 
„Wozu haben unsere Vorfahren denn
gegen die Türken gekämpft, wenn wir
sie heute wieder hereinlassen?“ (Dr. Jörg
Haider, ehemaliger Landeshauptmann
Kärntens)
Edward W. Said veröffentlichte 1978 das Buch Orientalism (Said, 1979), in dem er einen sich in seinen Grundzügen über Jahrhunderte erstreckenden Diskurs beschreibt, mittels dessen der ‚Okzident‘ den ‚Orient‘ als sein Anderes konstruiert. Dieser Diskurs hat Said zufolge weniger mit dem ‚Orient‘ selbst als mit dem sogenannten Westen zu tun und dient als Fundament nationaler bzw. ‚westlicher‘ Identitätskonstruktionen (vgl. Said 1979, 12). Diese Bilder des ‚Orients‘ sind als systematisches Wissen über das Andere politisch, sozial und wissenschaftlich fest in den Vorstellungen und Institutionen des ‚Westens‘ verankert und als solche historisch und aktuell von Macht- und Dominanzbeziehungen geprägt (vgl. ebd., 2-5). Saids Orientalismuskonzept geht explizit von der Begegnung mit dem ‚Orient‘ im Rahmen der kolonialen Bestrebungen Frankreichs, Englands und der USA aus, deren Orientbilder dementsprechend ‚primitive‘ Einwohner weit entfernter Gebiete konstruieren. Die historische Erfahrung in Österreich ist demgegenüber eine gänzlich andere und hauptsächlich von der unmittelbaren Nachbarschaft einer konkurrierenden Großmacht – des osmanischen Reiches – bestimmt, sowie von der Eingliederung bosnischer Moslems im Zuge der Expansion der Habsburgermonarchie in ehemals osmanische Gebiete. André Gingrich prägte für diese Konstellation den Begriff frontier orientalism. Dieser ist vom dichotomen Bild der Konkurrenz zum und der existenziellen Bedrohung durch einen aggressiven ‚Orientalen‘ geprägt, dessen Niederlage die eigene Prosperität sichert und in Folge zu dessen Einverleibung und teilweisen Umwandlung in den treuen und gehorsamen ‚Orientalen‘ führt (vgl. Gingrich 2003, 122). Anschließend an Gingrichs Arbeit, in der Phasen grenzorientalistischer Diskurse bis 1997 analysiert setzte das vorliegende Projekt ebenda an, um die Entwicklung seither zu beleuchten. Da für die österreichische Situation der frontier orientalism prägend ist, wurde angenommen, dass die Diskussion und öffentliche Wahrnehmung des ‚Orients‘ sich in Österreich auch weiterhin stark auf die Türkei und Menschen türkischer Abstammung in Österreich konzentriert.

Zur Analyse wurden Artikel der österreichischen Tageszeitung Kurier herangezogen, die zunächst statistisch aufbereitet und anschließend einer inhaltlichen und formalen Diskursanalyse (vgl. Jäger 2009) unterzogen wurden.

Zentrale Ergebnisse

Die Analyse der Kurier Berichterstattung bestätigt Gingrichs Theorie der Persistenz eines orientalistischen Abgrenzungsdiskurses. Der Türkei kommt in diesem Diskurs die Funktion des negativ konnotierten Anderen zu, das ‚westliche‘ Werte und Normen in Frage stellt. Auffällig ist, dass die Türkei im untersuchten Zeitausschnitt mit einer großen Zahl unterschiedlicher Themen (von außenpolitischen Fragen, über die EU-Beitrittsdebatten bis hin zu Naturkatastrophen und Urlaubsberichterstattung) in Verbindung gebracht wird, dabei aber durchgängig ihre negative Funktion beibehält. Während des gesamten Analysezeitraums fehlt ein stabiler positiver Bezugsrahmen, in dem die Türkei bzw. als türkisch konnotierte Konstellationen neutral oder positiv konstruiert würden. Zugleich ließ sich zeigen, dass jene Abgrenzbewegungen stets an komplementäre Selbstkonstruktionen des ‚Westens‘ gebunden sind, die ‚Österreich‘ oder ‚Europa‘ als modern, effizient und moralisch integer ausweisen. Insbesondere im Zusammenhang mit der Debatte um einen möglichen Beitritt der Türkei zur EU (dem rein quantitativ dominanten Thema im untersuchten Diskursausschnitt) erscheint die Türkei als vormodern, traditionalistisch und instabil, während ‚Europa‘ als positiver Gegenhorizont und Maßstab für die ‚Modernisierung‘ der Türkei ausgezeichnet wird. Wie wir im Rahmen der Reflexion unserer Ergebnisse argumentieren, bereitet diese Form der medialen Berichterstattung Diskursformen vor, die politisch instrumentalisiert werden können, um nicht nur außenpolitisch klare Grenzen zu fordern, sondern auch innenpolitisch hegemoniale Grenzziehungen zu legitimieren.

Detaillierte Darstellung der Ergebnisse sind nachzulesen in

Girstmair Stefanie, Hametner Katharina, Wrbouschek Markus & Weigl Daniel (2011). Orientalismus am Beispiel der Türkei – Zur medialen Inszenierung europäischer Identität in der österreichischen Tageszeitung Kurier. In Rolf van Raden & Siegfried Jäger (Hrsg.). Im Griff der Medien. Krisenproduktion und Subjektivierung. Münster: Unrast. 123-133.

Girstmair Stefanie, Hametner Katharina, Wrbouschek Markus & Weigl Daniel (2012). Der gute und der böse Orientale. Zu Funktionalität und Wandelbarkeit des ‚KurdInnenproblems im EU-Beitrittsdiskurs der EU. In K.-J. Bruder, C. Bialluch & B. Leuterer (Hrsg.) Macht – Kontrolle – Evidenz. Gießen: Psychosozial. (Erscheint in Kürze)

Literatur

Gingrich, Andre: Grenzmythen des Orientalismus – Die islamische Welt in Öffentlichkeit und Volkskultur Mitteleuropas. In: Erika Mayr-Oehring/Elke Doppler (Hrsg.): Orientalische Reise. Malerei und Exotik im späten 19. Jahrhundert. – Wien: Museen der Stadt Wien, 2003.

Jäger, Siegfried: Diskurs und Wissen. Theoretische und methodische Aspekte einer Kritischen Diskurs- und Dispositivanalyse. In: Keller, Reiner u.a. [Hg.]: Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Band I: Theorien und Methoden. Opladen: Leske & Budrich, 2001. S. 81-112

Jäger, Siegfried: Kritische Diskursanalyse: Eine Einführung. – Münster: Unrast, 2009.

Said, Edward W.: Orientalism. – New York: Random House, 1978.

jobcocktail_286
Verband österreichischer und türkischer Unternehmer und Industrieller (ATIS)

und Institut für Kulturpsychologie und qualitative Sozialforschung

Zeit: 29. Mai 2007, 18h30
Ort: City Lights, Gerngroß Kaufhaus (5. Stock),
Mariahilferstrasse 48, 1070 Wien

Unter dem Ehrenschutz des türkischen Botschafters Selim Yenel.

> Fotogallery <


Das gemeinsame Ziel des Jobcocktails…
…war die Stimulierung der Wirtschaft auf Basis des grenzübergreifenden Austauschs.

Der Verband türkischer und österreichischer Unternehmer und Industrieller (ATIS) und das  Institut für Kulturpsychologie und qualitative Sozialforschung (ikus) haben, durch eine kooperative Rahmenveranstaltung, türkischen sowie österreichischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern das Kennenlernen erleichtert. KulturforscherInnen der Universitäten Wien, Graz und Krems brachten sich mit ihrer wissenschaftlichen Expertise ein.

Die Perspektive der Kulturpsychologie und qualitativen Sozialforschung

In medialen Diskussionen über „Türkisches“ und „Österreichisches“ werden üblicherweise kulturelle Unterschiede betont, nationenübergreifende Gemeinsamkeiten bzw. gelungene türkisch-österreichische Zusammenarbeit hingegen oft vernachlässigt. Hinter diesem Umstand steht manchmal Ideologie, häufiger jedoch einfach ein Aufmerksamkeitsproblem: „Was funktioniert, findet selten Beachtung.“

Umso stärker erachten wir es als unsere wissenschaftliche, wirtschaftliche und soziale Verantwortung funktionierende türkisch-österreichische Kooperationsbeziehungen zu thematisieren. Zum einen geht es darum jene sozialen Schnittstellen stärker ins Licht der Aufmerksamkeit zu rücken, an denen türkisch-österreichisches Miteinander fruchtbar ist und real existiert. Zum anderen können aus der Betrachtung funktionierender Beziehungen auch geeignetere Mittel für die Verbesserung problematischer Bereiche abgeleitet werden.

Türkei im Dialog

Um hier in Österreich ein stärkeres Bewusstsein für Gemeinsamkeiten zu schaffen setzt der türkische Botschafter Selim Yenel auf Information und Diskussion. Sein Ansatz ist die Aufklärung von Missverständnissen durch „kulturübergreifenden“ Dialog. Im türkischen „Public Diplomacy“-Projekt www.tuerkeidialog.at findet man diese Gedanken pragmatisch verwirklicht. Im Zeitraum von September 2006 bis Januar 2007 wurden österreichische Staatsbürger dort zu einer Online-Umfrage über die Türkei eingeladen.


Jobcocktail – Vom Dialog zum Handeln

Da sich aus Umfragestatistiken jedoch oft nur schwer konkrete Handlungsempfehlungen ableiten lassen, möchten wir beim türkisch-österreichischen Jobcocktail einen handlungsorientierten Weg beschreiten. Im Rahmen wissenschaftlicher Untersuchungen zeigen sich gerade im wirtschaftlichen Bereich zahlreiche gelungene türkisch-österreichische Kooperationen. Daran wollen wir beim türkisch-österreichischen Jobcocktail anknüpfen. Das Ziel ist die Ermöglichung von Begegnung. Basis unseres Zugangs ist ein Kulturbegriff, der Kulturen durch die Gemeinsamkeit von Erfahrungen definiert und nicht durch die Gemeinsamkeit von Abstammung oder nationaler Zugehörigkeit.


Gelebte Wirtschaft – gelebte Wissenschaft

Die hier dargestellte Überzeugung findet ihre Verkörperung in der Kooperation des
Verbands türkischer und österreichischer Unternehmer und Industrieller mit dem Institut für Kulturpsychologie und qualitative Sozialforschung. Der türkisch-österreichische Jobcocktail wäre ohne grenzübergreifende Zusammenarbeit von „Türken“ und „Österreichern“ nicht zu Stande gekommen.

Das Institut für Kulturpsychologie und qualitative Sozialforschung unterstützt diese Veranstaltung – im Rahmen seiner Initiative Doing Culture – als Ausdruck kultursensibler Forschungskompetenz.

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